Pink Story: Die Ja-Sagerin

Die meisten von uns sind seit geraumer Zeit in körperlicher Distanz zu ihren Lieben – mal mehr, mal weniger… Aber im Gegensatz zu den „Vor-Corona-Zeiten“, leben wir definitiv mit mehr Abstand. Die körperliche Distanz führte auch zu mehr emotionalem Abstand zu Freund*innen und Bekannten. Manchmal fühlt sich diese Distanz nicht gut an, wir sehnen uns nach geistiger Nähe – aber ich glaube jede*r von uns kennt Menschen bei denen dieser „Zwangsabstand“ auch kein Fehler war.


Ich nenn das jetzt mal klassisches Vermeidungsverhalten. Uns war ja vorher bei einigen auch schon klar, dass wir nicht wirklich Kraft aus den gemeinsamen Begegnungen schöpfen – und trotzdem haben wir, öfter als uns lieb war, mit diesen Menschen Zeit verbracht. Macht man halt so. Tut ja nicht wirklich weh. Wir wollen nichts versäumen. Dem anderen ist es wichtig. Absagen ist so ungut. Eine Umarmung schadet nicht usw. So ticken wir – als soziale Wesen wollen wir Nähe, oft auch für den Preis der eigenen Unzufriedenheit.


Anna kennt das Gefühl es anderen recht zu machen und sich dabei selbst fast aufzugeben. Manchmal fallen ihr diese Manipulationen kaum auf: Anna, du kannst das einfach viel besser! Anna, auf dich ist immer Verlass! Anna, du machst das einfach so schnell – ich würde dafür ewig brauchen. Anna, wenn du dabei bist – ist es einfach viel lustiger! Anna, stell dich nicht so an! So oder so ähnlich, wer soll da schon Nein sagen? Sie hilft ja gerne, hört gerne zu, umarmt ja gerne… und es ist ja meistens kein Problem. Oder?


Sie spürt wie ihre Unzufriedenheit wächst: sie beginnt innerlich aufzuwiegen – wer, wann und wie oft jemandem hilft. Sie wertet über andere die nicht so „bescheiden“ und selbstlos sind wie sie. Sie fühlt sich ausgenützt und auch erschöpft, da sie mit ihren Plänen kaum vorankommt. Sie möchte sich immer öfter zurückziehen und hat dann die Sorge was zu verpassen oder dass jemand beleidigt auf sie sein könnte. Sie beginnt andere dafür verantwortlich zu machen, dass sie ihre Sachen nicht auf die Reihe bekommt, macht ihnen sogar ein schlechtes Gewissen.


Die wöchentlichen Wanderungen mit ihrem Hund Jerry sind Annas Auszeiten. Mit ihm durch Wald und Wiesen zu streunen und abzuschalten ist das Beste. Diese Ausflüge werden in letzter Zeit seltener – es kommt immer öfter was dazwischen. Anna merkt, dass es so nicht weitergehen kann. Als sie am Samstag mit Jerry zu einer kleinen Wanderung aufbricht, will sie über ihre Situation nachdenken. Hilfsbereitschaft und Nähe sind wichtig für sie und sollen auch weiterhin machbar bleiben: aber wie soll das klappen – ohne andere vor den Kopf zu stoßen? Da Jerry sehr lebhaft ist und jede Chance der Unaufmerksamkeit von Anna nutzt um im Wald zu verschwinden, bleibt Anna keine Wahl und sie konzentriert sich voll und ganz auf ihn. Es macht soviel Spaß ihm zuzusehen, wie er sorglos und voll im Moment lebend, schnuppernd, springend, laufend, spielend, den Weg vor und zurückrennt.


Am Aussichtspunkt angekommen setzt sich Anna hin und packt ihre Jause aus. Auch Jerry bekommt seinen heißgeliebten Kaffeeholz-Kaustab, den er voller Hingabe bearbeitet. „Beneidenswert…“ denkt Anna „… so vollkommen im Jetzt zu sein.“ Bald genügt es Jerry und er will sich ein paar Streicheleinheiten abholen, während Anna gerade ihr Handy checkt. Er schleckt an Annas Hand, sieht sie mit diesem besonderen Hundeblick an, bohrt mit seiner Schnautze unter Annas Arm, winselt leise,… er ändert solange seine Taktik um seine Absicht umzusetzen - bis Anna endlich reagiert.


Am Abend, Jerry liegt zufrieden auf seinem Platz, fällt es Anna wie Schuppen von den Augen. Als sie heute ihren Hund beobachtet hat, wie er seiner Absicht folgte – komme was wolle – da ließ er sich von nichts abbringen. Manchmal wenn er nicht gestreichelt werden will und geht, macht sich Anna keine Sorgen, dass er sie deshalb nicht mehr leiden könnte. „Ich muss nicht immer zu allem Ja sagen – ich habe das Recht auf Distanz und brauch nicht auf meine Kosten für andere da zu sein! Das heißt nicht, dass ich jemanden nicht leiden kann, es heißt nur, dass ich gerade nicht kann oder mag! Wenn ich bewusst Nein sage – kann ich auch mit viel Freude wieder Ja sagen!“


Sie nimmt sich ab nun als Übung vor, bewusster Nein zu sagen und ihre Grenzen anzuerkennen – bleibt dabei aber trotzdem freundlich, das ist ihr wichtig. Wenn Anna also eine Entscheidung getroffen hat, erklärt sie es anerkennend und höflich dem Gegenüber – und bleibt dann dabei. Anfangs fällt es ihr schwer, aber seit Langem fühlt sie sich wieder stärker und selbstbestimmter, ihre Unzufriedenheit wird weniger. Das hilft ihr wenn es ihr mal wieder unangenehm ist Nein zu sagen und sie dem Gespräch am Liebsten aus dem Weg gehen möchte.


Sie sagt sich dann: „Ein Nein zu jemandem ist keine Aussage über ihn oder sie – es ist aber ein JA zu mir!“



Foto von Marcin Jozwiak von Pexels




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